Transkript: Schießt sich Longevity gerade selbst ins Knie?
Einstieg
Ende August 2026. Berlin-Charlottenburg und München-Lehel. Auf der Website von Circle Health steht ein kurzer Satz: Der Praxisbetrieb wird eingestellt. Das war's.
Und jetzt das Spannende. Ein halbes Jahr vorher, im Februar, hatte genau dieses Unternehmen noch neun Millionen Euro Seed-Finanzierung eingesammelt. Über 7.000 Patienten. Ein Weiterempfehlungswert, von dem andere nur träumen. Zwei Standorte, Düsseldorf und Hamburg schon in Planung. Funktionelle Medizin, moderne Diagnostik, Prävention statt Reparatur. Der große Plan: einer der führenden Präventions- und Longevity-Player in Europa zu werden.
Sechs Monate später: Licht aus. Tür zu.
Herzlich willkommen, schön, dass ihr dabei seid. Ich bin Daniela Wiessner, und heute geht es um eine Frage, die mich seit Wochen umtreibt. Und, das darf ich verraten, ich bin damit offenbar nicht allein: Schießt sich Longevity gerade selbst ins Knie?
Ich habe dazu Anfang September einen Artikel geschrieben. Überschrift auf drei Worte eingedampft: Zu schnell. Zu viel. Am Ziel vorbei. Und was danach passiert ist, hat mich ehrlich überrascht. Unglaublich viele Rückmeldungen. Aus der Medizin, von Investoren, von Leuten, die selbst Longevity-Zentren aufbauen. Manche haben zugestimmt, manche haben mir freundlich, aber deutlich widersprochen. Und genau das war das Beste daran. Ein paar dieser Gedanken haben meine eigene Sicht noch mal geschärft. Die fließen heute mit ein.
Und damit gleich keiner falsch abbiegt: Ich bin nicht die Nächste, die Longevity schlechtredet. Im Gegenteil. Ich liebe dieses Thema. Aber gerade deshalb ärgert es mich, wie die Branche sich gerade selbst abschafft. Nicht aus Pech. Aus Dummheit. Mit Anlauf. Und weil niemand die Psychologie des Kunden beachten will. Da werden Millionen in Maschinen gesteckt, und für die Frage, warum ein gesunder Mensch eigentlich wiederkommen soll, ist dann kein Cent mehr übrig.
Circle Health – und warum das kein Einzelfall ist
Bleiben wir kurz bei Circle Health. Ich kenne die Zahlen nicht von innen, und ich will auch nicht über Gründe spekulieren, die ich nicht kenne. Aber was man von außen sieht, ist lehrreich genug.
Was mich daran wirklich nachdenklich macht: Die Kundschaft war offenbar zufrieden. Sogar sehr. Und trotzdem hat es nicht gereicht. Das heißt, Zufriedenheit allein rettet kein Modell, das wirtschaftlich nicht trägt. Man kann begeisterte Kunden haben und trotzdem pleite gehen. Wenn die Kosten schneller wachsen als die Bindung. Wenn man schon den dritten und vierten Standort plant, bevor die ersten zwei sich rechnen. Zu schnell. Zu viel. Und das ist kein Schicksal. Das ist eine Entscheidung. Eine schlechte.
Und das ist kein Einzelfall. Ich sehe in meiner Arbeit immer wieder dasselbe Muster. Es wird investiert, als gäbe es kein Morgen – was bei einem Thema namens Langlebigkeit schon eine gewisse Komik hat. Nur das Beste vom Besten. Und dass sich das am Ende auszahlt, steht völlig außer Frage. Denn mal ehrlich: Will nicht jeder länger und gesünder leben?
Die unbequeme Antwort: Nein. Und wer das nach drei Jahren Longevity-Hype immer noch glaubt, hat entweder nie mit echten Kunden gesprochen oder nicht zugehört. Oder genauer: Wollen schon. Aber dafür bezahlen, regelmäßig, über Jahre, ohne dass es irgendwo zwickt – das ist eine ganz andere Geschichte.
Dazu eine kleine Begebenheit. Ziemlich genau zwei Jahre her. Ich sitze mit einem bekannten Schweizer Investor zusammen, wir reden über eines seiner Longevity-Investments. Und ich spreche eine Sorge an, die ich für ziemlich naheliegend halte. Ich sage: Kranke kommen von alleine wieder. Gesunde muss man sich erarbeiten. Die eigentliche Herausforderung ist doch, Menschen ohne Leidensdruck dazu zu bringen, dauerhaft dabeizubleiben.
Er schaut mich an – so, wie man jemanden anschaut, der gerade gefragt hat, ob die Erde wirklich rund ist – und sagt sofort: Da liege wohl ein Denkfehler bei mir vor. Bessere Blutwerte überzeugen doch jeden.
Tun sie nicht.
Heute liest man, dass seine Renditen deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben. Und ich sage das ohne Häme. Wirklich. Aber dieser eine Satz – bessere Blutwerte überzeugen jeden – fasst das ganze Missverständnis zusammen. Seid mal ehrlich: Wann hat euch das letzte Mal ein Laborwert so begeistert, dass ihr am nächsten Morgen um sechs joggen gegangen seid? Eben.
Meine Grundthese, und die zieht sich durch die ganze Folge: Prävention und Longevity verhalten sich wirtschaftlich wie Konsumgüter. Sie folgen derselben Logik. Alles beginnt und endet mit einem Satz. Und der heißt nicht: Das ist medizinisch sinnvoll. Der heißt: Das will ich haben!
Die Presse lacht schon
Und während die Branche noch Kältekammern bestellt, hat sich die Presse längst warmgeschrieben. Ich habe mal ein bisschen gesammelt, was so über uns geschrieben wird. Und ich sage euch: Es ist nicht schmeichelhaft.
Die taz hat im Juni einen Text über Longevity und Selbstoptimierung gebracht, mit einer Überschrift, die man sich übers Bett hängen könnte: Die Angst vorm Altern lasse sich wunderbar verkaufen. Autsch.
Das Sonntagsblatt hat Anfang des Jahres gelästert über, Zitat, „Pillen in allen Farben, Pülverchen für jede Lebensphase“. Und die Autorin fragt dann sinngemäß, was an einem langen Leben ohne Freude, Freunde und Sonne im Gesicht eigentlich lebenswert sein soll. Ehrlich gesagt: Die Frage ist berechtigt.
Beim Schweizer Fernsehen war die Netflix-Doku über Bryan Johnson dran – das ist der Herr, der jeden Morgen eine Handvoll Kapseln frühstückt und sich zeitweise Blutplasma von seinem Sohn hat geben lassen. Der Tenor sinngemäß: Da optimiert sich ein Millionär zu Tode.
Und das ist nicht nur Feuilleton-Spott. Selbst aus der Forschung kommen Breitseiten. Eric Verdin, der Direktor des Buck Institute, einer der renommiertesten Alternsforschungs-Einrichtungen der Welt, hat der MIT Technology Review über die Longevity-Kliniken gesagt, das sei „Medizin für die Reichen, von den Reichen“. Und dass er das bedauert. Das sitzt.
Jetzt kann man sich darüber ärgern. Kann man. Oder man fragt sich: Warum fällt es denen so leicht? Und die ehrliche Antwort ist: weil wir ihnen die Vorlagen liefern. Frei Haus. Jeden Tag. Mit jedem überteuerten Vitamin-Drip, mit jedem Versprechen aus dem Mäuselabor, mit jedem Zentrum, das aussieht wie eine Hotellobby und sich anfühlt wie ein Gerätepark.
Und genau deshalb habe ich fünf Denkfehler mitgebracht. Ja, Denkfehler – das Wort hat mir der Schweizer Investor ja freundlicherweise geliefert. Fünf Denkfehler, die mir in der Praxis immer wieder begegnen. Und die – das ist das Tückische – so gern vom Tisch gewischt werden.
Denkfehler 1: Wir behandeln Gesunde wie Patienten
Denkfehler Nummer eins: Wir behandeln Gesunde, als wären sie Patienten.
Wer in ein Präventions- oder Longevity-Zentrum kommt, ist nicht krank. Er kommt nicht, weil er muss. Er kommt, weil er will. Er entscheidet selbst, ob er bucht. Er bezahlt selbst. Und er kann jederzeit wieder gehen. Das ist kein Patient. Das ist ein Kunde. Ein völlig anderes Segment als die Kassenmedizin – mit völlig anderen Spielregeln.
Und diese Spielregeln heißen: Kundenbindung. Kundenerlebnis. Loyalität. Und eine Community, die wirklich begeistert ist. Nicht so ein bisschen zufrieden. Begeistert.
Mittelmaß ist da der sicherste Weg, jede Erfolgsaussicht zu ruinieren. Wer von Einzelbehandlung zu Einzelbehandlung denkt, der killt selbst das beste Konzept. Das ist wie ein Restaurant, das nur über das einzelne Schnitzel nachdenkt, aber nie darüber, warum jemand wiederkommen soll. Das Schnitzel kann großartig sein. Wenn der Abend drumherum nicht stimmt, seht ihr den Gast nie wieder.
Und die Patientenlogik steckt tief drin. In den Abläufen, in der Sprache, in der Terminvergabe. Wie oft habe ich erlebt, dass ein Premium-Zentrum mit fantastischem Interieur eine Telefonansage hat, die klingt wie das Bürgeramt an einem Montagmorgen. Da ist das Kundenerlebnis vorbei, bevor es angefangen hat.
Denkfehler 2: Marketing als notwendiges Übel
Denkfehler Nummer zwei: Marketing als notwendiges Übel.
Ich weiß, ich weiß. Wenn ich in einem Raum voller Ärztinnen und Ärzte das Wort Marketing sage, sehe ich förmlich, wie sich bei einigen die Nackenhaare aufstellen. Marketing, das klingt nach Verkaufen, nach Werbung, nach unseriös. Und das hat seine Geschichte. In der klassischen Praxis brauchte man es lange schlicht nicht. Wer leidet, sucht einen Arzt. Der Leidensdruck macht das Marketing.
Aber jetzt kommt's. Prävention und Longevity sprechen Menschen an, die bereits gesund sind. Kein Leidensdruck. Null. Diese Menschen entscheiden wie Konsumenten. Aus einem begrenzten Budget. Und dieses Budget konkurriert mit dem Urlaub, dem neuen Auto, der Garderobe, dem schönen Abendessen und allem anderen, was das Leben so bereithält.
Ganz konkret: eine Serie Sauerstoff-Überdrucktherapie – oder zwei Wochen Thailand?
Genau diese Frage stellt sich eure Kundin am Küchentisch. Nicht laut, aber sie stellt sie. Auf der einen Seite Sonne, Strand, Pad Thai und ein schönes Hotel. Auf der anderen Seite eine Druckkammer im Untergeschoss. Da braucht ihr schon ziemlich gute Argumente. Und zwar keine, die nur den Kopf erreichen. Sondern welche, die im Bauch ankommen.
Deshalb ist Marketing in diesem Feld kein notwendiges Übel. Es ist ein strategisches Werkzeug für den Geschäftserfolg. Ohne geht es nicht. Punkt.
Denkfehler 3: Gier
Denkfehler Nummer drei. Und den nenne ich ganz bewusst beim Namen: Gier.
Bis vor Kurzem hat jeder Investor die Ohren gespitzt, sobald das Wort Longevity fiel. Der kommende Milliardenmarkt! Da will jeder ein Stück vom Kuchen. Am besten das größte. Gern mit Sahne.
Die Frage ist nur: Wie? Die meisten Investoren verstehen wenig von Longevity. Die meisten Ärzte wenig vom Geschäft. Das allein wäre kein Drama. Das Drama ist, dass beide Seiten glauben, sie bräuchten den jeweils anderen Teil nicht. Aber was passiert dann? Die eine Seite gibt das Geld, die andere kauft davon Geräte. Und am Ende steht man da, mit wunderschönen Räumen und sehr teuren Maschinen, und keiner weiß so richtig, wie man das jetzt an die Frau und an den Mann bringt.
Man sieht nur den riesigen Markt. Weil ja scheinbar alle dasselbe wollen: ewige Jugend und ein langes Leben. Und weil das so offensichtlich scheint, glaubt man, es verkauft sich von selbst.
Und dann gibt es noch einen leiseren Aspekt bei der Gier. Das Abrechnungsmodell selbst. Wenn ich pro Leistung abrechne – pro Scan, pro Infusion, pro Sitzung –, dann verdiene ich umso mehr, je mehr ich mache. Und plötzlich ist der unnötige dritte Ganzkörperscan im Jahr kein Problem mehr, sondern ein Margenbringer. Da kämpft die Integrität jeden Tag gegen den Profitdruck. Und der Profitdruck hat sehr viel Geduld.
Die Alternative, die ich spannend finde: ein fester Jahresbeitrag pro Mitglied. Dann ist der unnötige Scan einfach nur Kosten. Und jede Maßnahme braucht einen echten Grund. Das dreht die Logik um. Und es zeigt: Gier ist nicht nur eine Charakterfrage. Manchmal steckt sie schon im Geschäftsmodell.
Und genau da setzt übrigens der Spott von Eric Verdin an. Medizin für die Reichen, von den Reichen. Wer sich so positioniert, muss sich über diese Schlagzeilen nicht wundern. Ich sage es, wie ich es immer sage: Gier frisst Hirn. Und in dieser Branche hat sie zuletzt sehr gut gegessen.
Denkfehler 4: Der Sprung, der zu kurz ist
Denkfehler Nummer vier. Ich nenne ihn: der Sprung, der zu kurz ist.
Eine Druckkammer, eine Kältekammer und ein Flow-Gerät – das ist noch kein Longevity-Konzept. Das ist eine Geräteausstellung. Ein Elektrofachmarkt mit Arztschild. Teuer, glänzend und konzeptionell ungefähr so durchdacht wie ein Kühlschrank mit WLAN.
Es wird viel zu wenig darüber nachgedacht, welches Konzept hinter der Investition steht. Simon Sinek stellt da die entscheidende Frage: What's your why? Warum sollten Kundinnen und Kunden dieses Erlebnis immer und immer wieder kaufen?
Die ehrliche Antwort ist schwierig. Longevity liegt zu weit weg. Hundert werden? Schön. Aber das ist in fünfzig Jahren. Und Prävention nutzt sich irgendwann ab. Spätestens dann, wenn ich mich gut fühle. Dann besser. Dann sehr gut. Und dann?
Will ich dann wirklich noch die hundertste Infusion? Wofür eigentlich? Der Alternsforscher Michael Ristow hat das in der taz ziemlich unverblümt formuliert: Es sei Quatsch, Vitamine als Infusion zu bekommen. Die könne man auch als Tablette nehmen. Wer also sein Geschäftsmodell auf den Infusionsstuhl gebaut hat, sitzt ziemlich wackelig.
Dazu ein Gedanke, der mich nach der Veröffentlichung noch eine Weile beschäftigt hat. Normalerweise gilt: Ein Konsumgut, das hält, was es verspricht, wird immer begehrter. Wenn mir ein Restaurant schmeckt, gehe ich öfter hin. Bei der Prävention ist es genau umgekehrt. Je besser sie wirkt, desto weniger Grund sehe ich wiederzukommen. Paradox. Man könnte fast sagen: Wir haben ein Risikoprodukt – so ähnlich wie eine Versicherung – in die Verpackung eines Konsumguts gesteckt. Und dann wundern wir uns, dass keiner Schlange steht.
Und noch etwas: Das gute Gefühl, das jemand hat, der seinen Lebensstil verändert, kommt vom Verhalten. Nicht von der Messung. Wer besser schläft, sich mehr bewegt, anders isst, fühlt sich besser. Weil er anders lebt. Nicht, weil er eine neue Laborauswertung in der Hand hält. Das gute Gefühl allein erklärt also noch nicht, warum jemand erneut bezahlt, um sich wieder vermessen zu lassen.
Was hält jemanden dann? Ich glaube: eine Frage, die er wirklich beantwortet haben will. An genau diesem Tag. Nicht: Wie steht es generell um mich? Sondern: Hat sich das, was ich die letzten drei Monate gemacht habe, gelohnt? Bin ich fit genug für die Alpenüberquerung im Sommer? Ein Befund, der eine echte Frage beantwortet, ist ein Grund wiederzukommen. Ein Gimmick hält nur, bis der Neuheitswert verflogen ist.
Denkfehler 5: Von Mäusen und Menschen
Denkfehler Nummer fünf. Überschrift: Von Mäusen und Menschen.
Da gibt es zwei Lager, und beide schaden. Die einen nehmen Longevity zu leicht. Die rufen das nächste Longevity-Zentrum aus – auf einer Wissensbasis, die man mit einem Fingerhut abmessen könnte. Ein paar Instagram-Posts, ein Wochenendseminar, fertig ist die Expertise.
Die anderen versprechen zu viel. Und zwar ohne rot zu werden. Effekte, die bisher nur bei Fadenwürmern und Mäusen beobachtet wurden. Und mal unter uns: Zwischen einem Wurm und einem Menschen liegt doch ein gewisser Unterschied. Selbst an einem schlechten Montagmorgen.
Was passiert dann? Die Schulmedizin schießt zurück. Völlig nachvollziehbar. Sie stellt die Evidenz in Frage und sagt: Das ist doch alles nur Geldmacherei. Die Presse greift das dankbar auf – wir haben die Schlagzeilen ja gehört. Und die Kundschaft wird unruhig. Was eben noch cool war, steht plötzlich zur Debatte.
Ich habe nach dem Artikel viel Zuspruch aus der evidenzbasierten Medizin bekommen. Und das hat mich gefreut. Denn da sind Menschen, die genau diese Entwicklung kritisch sehen – und gleichzeitig sagen: Der Bedarf an echter, evidenzbasierter Prävention wächst. Wir müssen nur sauber unterscheiden zwischen dem, was den Menschen wirklich hilft, und dem, was nur dem Kontostand des Anbieters hilft. Genau das ist die richtige Trennlinie. Und sie ist nicht gegen Longevity. Sie ist für Longevity. Weil sie die Glaubwürdigkeit schützt.
Die gemeinsame Wurzel
So. Fünf Denkfehler. Und jetzt das, was mich daran am meisten fasziniert. So unterschiedlich die wirken – Gesunde wie Patienten behandeln, Marketingskepsis, Gier, Geräteverliebtheit, Überversprechen –, sie haben alle eine gemeinsame Wurzel.
Wir behandeln Longevity, als wäre es Medizin. Dabei verhält es sich wie ein Konsumgut.
Deshalb liegt der Ausweg nicht im nächsten Gerät. Nicht in der nächsten Finanzierungsrunde. Sondern in einem Perspektivwechsel. Weg vom Gerät. Hin zum Menschen, der davor sitzt. Der entscheidet. Der kauft. Der wiederkommt. Und – ganz wichtig – der weiterempfiehlt.
Das Zauberwort heißt Loyalität. Und ja, ich weiß: Circle Health hatte begeisterte Kunden. Loyalität ist notwendig. Aber sie ist nicht hinreichend, wenn das Modell darunter nicht trägt. Beides gehört zusammen.
Und dafür lohnt ein Blick in eine Disziplin, die in der Präventivmedizin noch viel zu selten auftaucht: das Konsumentenverhalten. Ich habe mich lange mit Werbepsychologie beschäftigt, sogar ein Fachbuch dazu mitgeschrieben, und ich kann euch sagen: Kaufentscheidungen folgen selten der reinen Vernunft. Und schon gar nicht Blutwerten. Sie entstehen aus Aktivierung, aus Emotion und aus Involvement – also innerer Beteiligung. Die Wirtschaftspsychologie erklärt den Rest. Warum ferne Versprechen – mit hundert noch fit sein, irgendwann von Alzheimer verschont bleiben – nur schwach motivieren. Und warum Vertrauen über jeden Wiederkauf entscheidet.
So betrachtet wird jeder Denkfehler zu einem Hebel. Deshalb habe ich aus den fünf Denkfehlern fünf Thesen gemacht. Thesen, die halten.
These 1: Bindung schlägt Akquise
These eins: Bindung schlägt Akquise.
Gesunde Menschen gewinnt man über Beziehungen. Nicht über einmalige Termine. Und die Zufriedenheit – das unterschätzen viele – entsteht erst nach dem Kauf. Nicht beim schönen Erstgespräch, nicht bei der Hochglanzbroschüre. Danach. Und sie entscheidet, ob jemand wiederkommt und euch weiterempfiehlt.
Jetzt kommt die Community ins Spiel. Eine Community beantwortet das stärkste soziale Motiv überhaupt: Zugehörigkeit. Dazugehören wollen. Uralt, tief in uns drin. Und sie schafft eine emotionale Bindung, wo eine einzelne Behandlung nur eine Transaktion bleibt.
Das Schöne daran: Gemeinschaft ist selbst eine der wichtigsten Zutaten für Longevity. Soziale Eingebundenheit gehört zu den Faktoren, die mit einem langen, gesunden Leben zusammenhängen. Wer Community baut, baut also nicht nur Kundenbindung. Er liefert gleichzeitig ein Stück Longevity. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Und nebenbei die beste Antwort auf das Sonntagsblatt mit seinem langen Leben ohne Freunde.
Heute würde ich sogar noch weiter gehen als in meinem Artikel. Community ist nicht das nette Extra obendrauf. Sie ist das Fundament. Denn echte Longevity heißt Verhaltensänderung. Gewohnheiten umbauen, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Das schafft keine Maschine. Keine Kurzbehandlung. Keine Trend-Diät. Commit or quit, sozusagen: Entweder man bleibt dran, oder man lässt es.
Wer ein Gerät verkauft, hat eine Transaktion verkauft. Wer dauerhafte Gewohnheiten aufbauen will, braucht eine Beziehung. Und kein Mensch hält das über Jahre allein mit Willenskraft durch. Wirklich niemand. Ich auch nicht. Wenn ich ehrlich bin, hält mich manchmal nur die Verabredung zum Sport davon ab, auf dem Sofa liegen zu bleiben. Genau das ist Community: Sie trägt einen, wenn das Wissen längst da ist, aber die tägliche Umsetzung stockt.
Und vielleicht braucht es gar nicht noch ein weiteres Longevity-Zentrum. Vielleicht braucht es eher etwas, das die Menschen durch dieses immer zersplittertere Angebot lotst. Das die richtigen Leute zur richtigen Zeit mit der richtigen, vertrauenswürdigen Expertise verbindet. Und das dranbleibt, über die einzelne Transaktion hinaus. Das Bindegewebe zwischen den Angeboten. Loyalität ist das Zauberwort – aber Vertrauen, Relevanz und Kontinuität sind das, was sie überhaupt erst entstehen lässt.
These 2: Aktivierung schlägt Diagnostik
These zwei: Aktivierung schlägt Diagnostik.
Ohne Leidensdruck entscheidet nicht die Vernunft. Sondern die Aktivierung. Aktivierung ist in der Konsumentenpsychologie die Grundlage jeder Aufmerksamkeit. Wenn nichts in mir angesprochen wird, nehme ich es schlicht nicht wahr. Da kann der Befund noch so präzise sein.
Gesunde Menschen konsumieren mit Blick auf das Erlebnis. Sie suchen emotionalen Wert, Erlebniswert. Keine Laborwerte. Deshalb konkurriert das Longevity-Budget mit Reisen, mit Genuss, mit Luxus. Und es gewinnt nur da, wo es all das am besten vereint.
Mir ist in den letzten Wochen ein Gedanke begegnet, den ich so gut fand, dass ich ihn fast zur Überschrift gemacht hätte. Sinngemäß: Die Menschen kaufen kein längeres Leben. Sie kaufen Erleichterung in dem Leben, das sie gerade führen.
Das ist es. Die schärfere Version von allem, was ich sagen will. Der Kernnutzen muss heute ankommen. Nicht in dreißig Jahren.
Oder anders: Longevity zahlt sich in dreißig Jahren aus. Lebensqualität zahlt sich am Donnerstag aus.
Ich mag das. Weil es so konkret ist. Kein Mensch wacht morgens auf und denkt: Heute hätte ich gern ein bisschen Longevity. Die Leute wollen besser schlafen. Schneller regenerieren. Leistungsfähig bleiben. Reisen, ohne danach eine Woche platt zu sein. Mit den Enkeln auf den Spielplatz, ohne dass der Rücken danach drei Tage beleidigt ist. Das ist der Donnerstag. Und der Donnerstag ist das, wofür jemand heute bezahlt.
Heißt auch: Diagnostik, Technologie, Geräte – wertvoll, ja. Aber sie sind nicht das Produkt. Das Produkt ist, aus Daten relevantes Handeln zu machen. Spürbare Verbesserung. Und dann: Kontinuität. Ich glaube, die Branche hat gar kein Technologieproblem. Sie hat ein Kontinuitätsproblem.
Zusammengesetzt: Erleichterung jetzt. Darunter, ganz leise, wachsende Leistungsfähigkeit. Und als Zusatznutzen Zugehörigkeit – das Gefühl, eine Rolle zu spielen. Das macht aus Erleichterung etwas, zu dem Menschen immer wieder zurückkommen.
These 3: Geld kauft keinen Markt
These drei: Geld kauft keinen Markt.
Geräte kann man kaufen. Einen Markt muss man verstehen. Ein Unterschied, der in der Euphorie der letzten Jahre gern untergegangen ist. Neun Millionen Euro in einer Runde sind viel Geld. Aber sie kaufen keine Kundin, die in drei Jahren noch kommt.
Ob jemand bezahlt, entscheidet nicht der Preis. Das ist vielleicht der wichtigste Satz dieser These. Es entscheidet der wahrgenommene Nutzen. Und der fällt nicht vom Himmel. Den muss man gestalten. Wenn jemand für eine Handtasche dreitausend Euro ausgibt, dann nicht, weil Leder so teuer ist. Sondern weil der wahrgenommene Nutzen stimmt. Hier funktioniert es genauso.
Deshalb gehört medizinische Exzellenz an denselben Tisch wie kaufmännische und verhaltenspsychologische Expertise. Und zwar lange, bevor die erste Kältekammer geliefert wird. Nicht danach, wenn die Kammer schon steht und man sich fragt, wie man sie jetzt auslastet.
Und noch etwas ist in den Gesprächen der letzten Wochen sehr deutlich geworden. Es reicht nicht, Medizin und Business einfach nebeneinander an einen Tisch zu setzen. Die sprechen unterschiedliche Sprachen. Dann sitzt man da, nickt sich höflich zu und versteht sich nicht. Es braucht jemanden dazwischen. Einen Übersetzer. Jemanden, der beide Sprachen fließend spricht und den Punkt findet, an dem medizinische Sorgfalt und wirtschaftlicher Wert sich treffen.
Der Wert liegt genau in dieser Übersetzung. Und in der Kommunikation, die Menschen dann dazu bringt, wirklich zu handeln. Die ganze Kette muss funktionieren: Zugang zur Gesundheit, Verhaltensänderung, Ergebnis. Erst dann entsteht der wirtschaftliche Wert, den alle suchen. Das ist, ehrlich gesagt, genau das, wofür ich mit DIVENDO angetreten bin. Aber keine Sorge – das wird jetzt keine Werbesendung.
These 4: Das Warum schlägt das Gerät
These vier: Das Warum schlägt das Gerät.
Longevity ist ein schwacher Motivator. Weil es so weit weg liegt. Die Verhaltensökonomie nennt das Present Bias, die Gegenwartsverzerrung. Der ferne Nutzen verliert gegen das unmittelbare Erlebnis. Immer. Oder fast immer.
Ihr kennt das. Das Stück Schokoladentorte jetzt gegen die gute Figur im Sommer. Wer gewinnt meistens? Genau. Die Torte. Und die hat nicht mal ein Marketingbudget.
Ein starkes Warum holt den Nutzen in die Gegenwart. Es macht ihn heute spürbar. Und es erhöht das Involvement. Wer sich auf den Sinn einlässt, kommt wieder. Auch dann, wenn der Reiz des neuesten Geräts längst verflogen ist.
Jetzt könnte man einwenden: Moment, man muss doch gar kein Warum erfinden. Die Menschen wissen doch längst, warum sie ein besseres Leben wollen. Sie wollen sich besser fühlen, besser leben, das Leben jetzt genießen.
Und da sage ich: Ja. Absolut. Das Warum muss man nicht erfinden. Man muss es nur endlich ernst nehmen. Und das Angebot danach bauen. Nicht nach dem Gerätekatalog. Lebensqualität als Rahmen, und Longevity darin. Nicht umgekehrt. Wer ein längeres Leben verkauft, verkauft die Zukunft. Wer einen besseren Donnerstag verkauft, gibt den Menschen einen Grund, sich heute dafür zu interessieren.
These 5: Ehrlichkeit schlägt Superlative
These fünf: Ehrlichkeit schlägt Superlative.
Zufriedenheit ist, ganz nüchtern, eine Rechnung. Erwartung gegen Wirklichkeit. Sie entsteht, wenn das Erlebnis die Erwartung trifft. Oder übertrifft.
Wer Ergebnisse aus Tierstudien zu einem Heilsversprechen macht, produziert Enttäuschung. Und kognitive Dissonanz – dieses unangenehme Gefühl, wenn das, was ich glauben wollte, und das, was ich erlebe, nicht zusammenpassen. Dieses Gefühl löst der Mensch meistens so auf, dass er geht. Und nicht wiederkommt. Und im schlimmsten Fall noch drei Freundinnen davon erzählt. Oder einer Journalistin.
Solide Evidenz verspricht weniger. Und liefert mehr. Und damit baut sie genau das auf, wovon dieser Markt lebt: Vertrauen.
Das medizinische und das wirtschaftliche Argument sind hier eigentlich ein und dasselbe. Ein belastbarer Befund gibt jemandem einen Grund wiederzukommen. Ein Gimmick hält nur, bis der Neuheitswert verflogen ist. Liefern ist das, worauf man ein Geschäft bauen kann.
Und noch ein Gedanke: Je mehr Möglichkeiten die Branche schafft, desto wichtiger wird Urteilsvermögen. Vertrauen hängt langfristig vielleicht nicht nur davon ab, was ein Zentrum alles anbieten kann. Sondern auch davon, dass es weiß, was es nicht anbietet. Und wann nicht. Verfügbarkeit ist nicht gleich Relevanz. Nur weil eine Kammer im Keller steht, muss nicht jeder rein. Und das entscheidet man nicht einmal im Konzept und hakt es dann ab. Das ist eine Verantwortung, Fall für Fall. Mensch für Mensch.
Regelt der Markt das von allein?
Einen Punkt will ich noch aufgreifen, bei dem ich selbst ins Nachdenken gekommen bin. Ich bin eigentlich davon ausgegangen: Der Markt regelt das. Wer schlechte Qualität liefert, verliert seine Kunden. Wer gute Arbeit macht, bleibt. Darwin für Dienstleister.
Dazu gibt es einen Einwand, den ich wirklich ernst nehme. Ja, der Markt korrigiert sich. Aber wie schnell? In der Longevity-Medizin sehen die Kunden den Nutzen oft erst nach Jahren. Ein Zentrum mit überzeugendem Auftritt, aber schwachen Leistungen kann also lange am Markt bleiben, bevor irgendjemand merkt, dass es nicht wirkt. Und wenn es dann scheitert, reißt es den Ruf der anderen mit. Derer, die solide arbeiten.
Das stimmt. Bis die Kunden selbst urteilen können, ist der Schaden passiert. In beide Richtungen. Für die Menschen, die Geld und Hoffnung investiert haben. Und für die Branche, die dann wieder in der nächsten Glosse landet.
Deshalb braucht es von Anfang an jemanden, der für die klinische Qualität geradesteht. Mit Namen. Eine medizinische Autorität, die hinter dem steht, was angeboten wird, und bei medizinischen Entscheidungen das letzte Wort hat. Das ist kein Widerspruch zum Konsumgüterdenken. Im Gegenteil: Es ist die Voraussetzung dafür, dass das Konsumgüterdenken nicht entgleist. Loyalität auf Basis von Qualität – die trägt.
Was funktioniert
Genug gelästert. Jetzt die Frage, die mir nach dem Artikel am häufigsten gestellt wurde: Und wie macht man es richtig?
Ich baue seit rund fünfzehn Jahren Privatpraxen und Longevity-Center mit auf. Und die Zentren, die funktionieren, sind selten die mit den meisten Geräten. Es sind die, die ein paar Dinge konsequent anders machen. Sechs davon gebe ich euch heute mit.
Erstens: Erst das Erlebnis, dann die Einkaufsliste.
Die erste Frage in einem Projekt lautet bei mir nie: Welche Geräte? Sondern: Wer ist eure Kundin – und bei welchem Anlass kommt sie zu euch? Denn niemand bucht Longevity. Menschen buchen einen Anlass. Der fünfzigste Geburtstag. Die Wechseljahre, die plötzlich alles durcheinanderbringen. Die Erschöpfung nach zwei Jahren Dauerlast im Job. Der Freund, der mit 52 einen Herzinfarkt hatte. Das sind die Momente, in denen Gesunde aktiviert sind. Wer diese Anlässe kennt, baut sein Angebot darauf. Und erst dann kommt die Frage: Welches Gerät beantwortet welche Frage dieser Kundin? Jedes Gerät, das darauf keine Antwort hat, ist Deko. Sehr teure Deko.
Zweitens: Das Befundgespräch ist das Produkt.
In fast jedem Zentrum, das ich mir anschaue, liegt der größte Hebel an einer Stelle, die keiner auf dem Schirm hat. Da hat jemand gerade zwei-, dreitausend Euro für einen Check-up ausgegeben. Und dann bekommt er ein vierzigseitiges PDF voller Laborwerte und ein Gespräch, in dem eine halbe Stunde lang Referenzbereiche erklärt werden. Danach weiß der Kunde sehr viel. Und tut nichts.
Ein gutes Befundgespräch macht aus Daten eine persönliche Geschichte. Drei Erkenntnisse. Ein Ziel für die nächsten neunzig Tage. Ein Termin, an dem wir nachschauen, ob es geklappt hat. In diesem Gespräch entscheidet sich, ob aus einem Check-up eine Beziehung wird. Oder eine Rechnung.
Drittens: Wiederkommen wird gestaltet, nicht erhofft.
Kranke kommen von allein wieder, Gesunde muss man sich erarbeiten – der Satz vom Anfang. Erarbeiten heißt ganz praktisch: Der nächste Anlass wird beim ersten Besuch gesetzt. Neunzig-Tage-Zyklen. Eine Nachmessung, die eine echte Frage beantwortet: Hat es gewirkt? Ein Jahresprogramm mit Etappen statt eines Einmal-Checks mit freundlichem Abschiedsgruß. Wer seinen Kunden nach dem ersten Termin keinen Grund für den zweiten mitgibt, hat ihn verloren, bevor er zur Tür raus ist.
Viertens: Wow an jedem Kontaktpunkt.
Aus der Konsumentenpsychologie wissen wir: Menschen erinnern sich nicht an ein Erlebnis als Ganzes. Sie erinnern sich an den intensivsten Moment und an das Ende. Daniel Kahneman hat das die Peak-End-Regel genannt. Für ein Zentrum heißt das: Ihr müsst nicht überall perfekt sein. Aber ihr braucht bewusst gesetzte Höhepunkte. Und ein Ende, das nachklingt.
Genau daraus ist meine WOW-Faktor-Methode entstanden. Jeder Kontaktpunkt kommt auf den Prüfstand: der erste Anruf, die Website, die Begrüßung, das Befundgespräch, die Nachricht drei Wochen später. Und überall dieselbe Frage: Was erwartet der Mensch hier – und wie übertreffen wir das? Das klingt nach Hotel. Ist es auch. Die besten Longevity-Center denken wie Gastgeber, nicht wie Ambulanzen. Und dabei ist die Dame am Empfang wichtiger als die Kältekammer. Sie ist die Erste, die eure Kundin sieht. Und oft die Letzte, an die sie sich erinnert.
Fünftens: Medizin mit Namen – und Mut zum Nein.
Vertrauen ist in diesem Markt die eigentliche Währung. Deshalb gehört an die Spitze eine Ärztin oder ein Arzt, der mit Namen für das Programm steht. Und der auch mal sagt: Das braucht ihr nicht. Die Kammer bleibt heute zu. Dieser Satz kostet kurzfristig einen Umsatz. Und bringt langfristig eine Kundin, die fünf Jahre bleibt und drei Freundinnen mitbringt. In meinen Projekten tragen deshalb erfahrene Longevity-Ärzte die Programme fachlich. Nicht als Feigenblatt. Als Fundament.
Sechstens: die richtige Zahl im Blick.
Die meisten Zentren schauen auf Neukunden. Auf Auslastung. Auf Umsatz pro Termin. Ich schaue zuerst auf eine einzige Zahl: Wie viele Kunden sind nach zwölf Monaten noch da? Diese Zahl verrät euch alles. Ob das Konzept trägt. Ob der Preis stimmt. Ob ihr wachsen dürft. Deshalb auch die Mitgliedschaft statt Einzelleistung. Und deshalb ein zweiter Standort erst dann, wenn der erste diese Zahl liefert. Nicht, wenn die Finanzierungsrunde es hergibt.
Spektakulär ist das alles nicht. Kein Gerät, das man fotografieren kann. Keine Pressemitteilung. Aber genau das ist der Unterschied zwischen einem Zentrum, über das die taz eine Glosse schreibt, und einem, das in fünf Jahren noch da ist.
Und genau hier braucht es die Übersetzung zwischen Medizin, Wirtschaft und Psychologie, von der ich vorhin gesprochen habe. Das ist die Arbeit, die ich seit Jahren mache. Am besten, bevor die erste Kältekammer geliefert wird. Spätestens, wenn sie leer steht.
Ich liebe Longevity
Damit komme ich zum Schluss. Und der ist mir wichtig.
Ich liebe Longevity. Mit voller Überzeugung. Ich setze mich für eine Präventivmedizin ein, die uns hilft, gesünder älter zu werden. Besser leben, länger. Ein wahres und, ich sage es mal so, ein edles Anliegen. Eines, das es wert ist, in die Welt getragen zu werden.
Aber genau deshalb darf diese Sache nicht verspielt werden. Nicht von halbherzigen Anbietern, die sich aus drei Maschinen ein Alibi-Longevity-Angebot zusammenzimmern. Und nicht von übereilten Renditeforderungen. Longevity ist ein Marathon, kein Sprint. Auf allen Ebenen. Alles andere wäre ja auch absurd: Eine Branche, die für das lange Leben steht – und dann soll sich bitte alles in achtzehn Monaten amortisieren.
Es lohnt sich zu investieren. Kapital, Kompetenz und Kundschaft. Viele unserer gesellschaftlichen Probleme, vor allem im Gesundheitssystem, ließen sich lösen, wenn wir gesünder älter würden.
Dahinter steckt noch ein größeres Problem. Im Moment tun sich die meisten Menschen – zumindest bei uns in Deutschland – noch schwer, das Wort Longevity überhaupt richtig auszusprechen. Ich habe da schon alles gehört. Prävention, Salutogenese – also die Frage, was uns gesund hält –, eine Lebensweise, die zu uns als Spezies passt: Das müsste wieder durch unsere ganze Gesellschaft gehen. Auf allen Ebenen. Erst dann würde Longevity aufhören, sich selbst ins Knie zu schießen, indem es sich als Angebot für Superreiche positioniert. Und erst dann gehen den Glossenschreibern die Pointen aus.
Und der wachsende Gegenwind gegen die Selbstoptimierung bringt uns auch nicht weiter. Was ist denn bitte schlimm daran, das Beste aus sich zu machen? Wer Longevity als Spielzeug für eitle Reiche abtut, macht es sich zu leicht. Ich jedenfalls weigere mich, mich damit abzufinden, mit 60, 70 oder 80 in einem kaputten Körper durchs Leben zu hängen, gestützt von Tabletten, und am Ende in der Demenz zu verschwinden. Nein danke.
Longevity verdient unsere volle Aufmerksamkeit, unsere Expertise und einen festen Platz in unserem Denken über Gesundheit. Und vor allem verdient sie eines: dass die Akteure sich zusammentun. Medizin, Wirtschaft, Psychologie, Kommunikation. Nicht jeder für sich mit seiner Kammer im Keller. Sondern gemeinsam.
Ich bin dabei. Voll und ganz.
Outro
Wenn euch diese Folge gefallen hat, empfehlt sie gern weiter. Am besten jemandem, der gerade überlegt, sich eine Kältekammer anzuschaffen. Bevor die Spedition kommt.
Und wenn ihr Gedanken dazu habt, widersprechen oder ergänzen wollt – schreibt mir. Aus genau solchen Gesprächen ist ein großer Teil dieser Folge entstanden.
Bis zum nächsten Mal. Bleibt gesund – am besten schon ab diesem Donnerstag.